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Anschlag in Hanau

Ein Kommentar des DMG-Geschäftsführers Mustapha Balti zum blutigen Anschlag in Hanau.

„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Zu Ihm gehören wir und zu Ihm kehren wir zurück.

Gestern Nacht wurden wir Zeuge eines grausamen Terroranschlags, der uns alle bis ins Mark erschütterte, elf Menschen wurden ihres Lebens beraubt, weitere schweben noch immer in Lebensgefahr. Vor allem für die Familien und Freunde der Opfer ist es ein undenkbar harter Schicksalsschlag, wenn geliebte Menschen plötzlich nicht mehr da sind.

Leider können wir aber nicht sagen, dass wir von diesem Anschlag überrascht wurden. Wir müssen uns ehrlich eingestehen, dass dieser Terrorakt sich lange angekündigt hat. Ich erinnere mich an die jahrelange Islamdebatte, öffentlich und medial geschürte Vorurteile gegenüber Islam und Muslimen, und vor allem an das dauerhafte Schweigen breiter Teile der Gesellschaft. Ich erinnere mich auch an den versuchten Anschlag auf eine Synagoge in Halle, den Mord an Walter Lübcke, aber auch an die hunderten Bombendrohungen und Übergriffe auf Moscheen und Muslime in den letzten Jahren.

Schon in den ersten Stunden nach dem Anschlag zeichnet sich ab, dass wir noch immer nichts aus den letzten Jahren gelernt haben. Erst am Wochenende wurde eine rechtsextreme Terrorzelle aufgedeckt. Der erste Verdacht beim Anschlag gestern Nacht: Clankriminalität. Selbst als das Bekennerschreiben gefunden wurde, das klar rassistische Motive offenlegte, sprach man nur zögerlich von rechtem Terror. Als fremdenfeindlich wird die Tat bezeichnet; als wären die Opfer Fremde, nicht Teil unserer Gesellschaft. Deutsch scheint hier nur der Täter zu sein.

Dass ein Mann mit dem Namen Tobias, unscheinbarer Bankkaufmann, ein Terrorist in der eigenen Mitte ist, will man nicht wahrhaben. Wieder erleben wir, dass rechte Akteure sich und den Täter reinwaschen: Ein Einzeltäter sei er, geistig verwirrt, ein Opfer seiner Umstände. Opfer- und Täterrollen werden vertauscht.

Dass seit dem 11. September 2001 durchgängig in Fernsehen, Zeitung, Film, Literatur und Kunst Ressentiments gegen Muslime aufgebaut wurden, dass eine Partei es nur mit antimuslimischem Rassismus in den Bundestag schafft, steht natürlich in keiner Verbindung zum Aufkeimen rechten Terrors in Deutschland.

Nicht einmal vor einem Monat haben wir zum 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. „Nie wieder“ hieß es zurecht in aller Munde. Und doch erleben wir, wie erneut eine religiöse Minderheit in Deutschland strukturell diskriminiert und ausgegrenzt, geradezu verteufelt wird. Wieder erleben wir, wie ein großer Teil der Menschen schweigend wegschaut. Rechtsextreme und islamfeindliche Taten waren in den letzten Jahren nie nachrichtentauglich. Fast jeder Muslim, den ich kenne, vor allem Frauen mit Kopftüchern, hat Diskriminierungserfahrungen gemacht: beleidigt, bespuckt, attackiert. Im Jahr 2019 wurden laut Bundesregierung 184 Straftaten gegen Moscheen und muslimische Einrichtungen erfasst – fast jeden zweiten Tag. Leider musste erst ein Blutbad an Unschuldigen angerichtet werden, bevor berichtet wird. Wir müssen den antimuslimischen Rassismus in unserer Gesellschaft endlich offen benennen.

Die Frustration in der muslimischen Glaubensgemeinschaft ist groß und wächst weiter. Wir dürfen uns aber nicht von dieser Frustration lähmen lassen. Deutschland ist und bleibt unsere Heimat. Das Wohl unserer Gesellschaft ist unser Wohl, ein Angriff auf uns und unsere Gebetshäuser ist ein Angriff auf die Werte Deutschlands. Die große Mehrheit der Bevölkerung lehnt Rassismus und Hass ab. Beim Terrorangriff im neuseeländischen Christchurch 2019 haben wir erkannt, wie einend und versöhnend eine Staatsführerin handeln kann, wie wichtig es ist, dass wir aufeinander zugehen, anstatt uns von einer kleinen Gruppe von Extremisten spalten zu lassen. Unsere Nachbarn bleiben unsere Nachbarn, unabhängig von ihrer Religion. Terror aber zielt nur darauf ab, aus Nachbarn Feinde zu machen. Wir brauchen Empathie statt Hass, Solidarität statt Abgrenzung. Nur so machen wir den geistigen Brandstiftern einen Strich durch die Rechnung. Das sollte auch die Botschaft der kommenden Freitagsgebete sein.

Möge Gott die Opfer dieses Terroranschlags und ihre Familien in Seine Barmherzigkeit eingehen lassen, möge Gott uns alle vor weiteren Anschlägen bewahren und unserem Land Frieden und Einheit schenken!“

Mustapha Balti, Geschäftsführer der DMG