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Das Kopftuchurteil - ein Kommentar

Anlässlich des EuGH-Urteils zum Kopftuchverbotes am Arbeitsplatz

“Unser Unternehmen möchte nach außen Neutralität ausstrahlen, daher können Sie hier mit dem Kopftuch nicht arbeiten”, ein Satz, den muslimische Frauen in Deutschland zukünftig wahrscheinlich noch öfter hören werden. Der Europäische Gerichtshof hat die deutsche Rechtsprechung bestätigt, dass ein Arbeitgeber seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Tragen religiöser Zeichen verbieten darf. Er müsse dies aber gut begründen, Zeichen wie das Kopftuch müssten die Wettbewerbsfähigkeit des Betriebs merklich einschränken. Aber auch die “berechtigten Erwartungen der Kunden oder Nutzer” seien ein möglicher Grund.

Die Botschaft an muslimische Frauen ist aber eine andere: Wenn du hier arbeiten möchtest, musst du einen Teil deiner Identität aufgeben, denn der latente Rassismus unserer Kundschaft ist uns wichtiger. Neutralität war der Unternehmenswelt nämlich nicht so wichtig, als sie noch vor kurzem im “Pride Month” ihre Social-Media-Präsenz mit Regenbogenfahnen plakatierte. Wer sich für Vielfalt ausspricht, kann nicht gleichzeitig die Freiheit sexueller Gesinnung promoten, aber religiöse Identitäten aus der Öffentlichkeit verbannen wollen. Muslimisches Leben ist insbesondere in deutschen Großstädten faktische Realität. Dennoch erleben wir, dass immer mehr Berufsfelder -  im Bildungssektor, im Beamtentum, jetzt in der freien Wirtschaft - lieber auf Mitarbeiterinnen mit Kopftuch verzichten wollen. Was sagt ein solches Bedürfnis über den Stand unserer Gesellschaft aus? Fühlt man sich bedroht, wenn eine muslimische Deutschlehrerin der jungen Generation durch ihre bloße Anwesenheit den Eindruck vermitteln könnte, der Islam sei ein normaler Bestandteil der deutschen Gesellschaft? Was verlieren wir, wenn wir beim Shampoo-Kauf im Drogeriemarkt die Haare der Kassiererin nicht sehen können? Ein Kopftuchverbot mag laut Europäischem Gerichtshof seine Hürden haben. Das einzig akzeptable Urteil wäre aber ein anderes gewesen: Menschen aufgrund ihrer gelebten religiösen Identität vom Beruf auszuschließen, ist diskriminierend und rassistisch. Die jüngsten Gerichtsurteile sind damit ein Eingeständnis an die Rassistinnen und Rassisten in unserer Mitte, dass ihre antimuslimischen Vorurteile ernst zu nehmen seien. Die Urteile spielen den Rechtsextremen auf verschiedenen Ebenen in die Hände: Einerseits werden erkennbar muslimische Frauen aus der Gesellschaft ausgegrenzt, womöglich dazu gedrängt, eigene Unternehmen und Institutionen zu gründen, andererseits serviert man eine selbsterfüllende Prophezeiung, dass Musliminnen und Muslime eine Parallelgesellschaft aufbauen würden. Wenn gelebte religiöse Identität als geschäftsschädigend verstanden wird, eröffnet sich ein Pfad zu einer viel breiteren Ausgrenzung. Darf in Zukunft Musliminnen und Muslimen der Zutritt zu einem Restaurant verwehrt werden, wenn sich die Mehrheit der Kundschaft an ihnen stört, ihr Dasein also dem wirtschaftlichen Interesse zuwiderläuft? Das klingt heute unvorstellbar, vergessen darf man aber nicht, dass beispielsweise die Segregation von Weißen und Schwarzen in den USA nicht wesentlich anders begründet wurden. Die deutsche Gesellschaft bemüht sich, ihre Geschichte aufzuarbeiten und ihre eigene Vielfalt zu leben. Das muss man anerkennen. Schleichend entwickelt sich aber das Gefühl, dass im Kampf für die Akzeptanz unterschiedlichster Hautfarben, Religionen, sexueller Gesinnungen und Lebensweisen die muslimische Glaubensgemeinschaft außen vor bleibt, ja vielleicht sogar Rückschritte erdulden muss. Antimuslimischer Rassismus nimmt von Jahr zu Jahr zu und wird nun auch symbolhaft durch deutsche Gerichte untermauert, indem sie muslimischen Frauen die ihnen zustehende gesellschaftliche Repräsentanz erschweren. 

In einer vielfältigen Gesellschaft, in der jeder Mensch seine oder ihre Identität frei ausleben kann, versteht man auch die religiöse Identität anderer als eine Bereicherung, die einen selbstverständlichen Teil des Alltags ausmacht. Ob eine Frau hierbei ein oder kein Kopftuch trägt, darf ausschließlich ihre Entscheidung sein. Besonders anlässlich des Wahljahres rufen wir unsere Glaubensgeschwister, vor allem aber die islamischen Gemeinden und Verbände dazu auf, ein Umdenken herbeizuführen und das offene Gespräch mit allen Ebenen unserer Gesellschaft zu suchen. Unsere kopftuchtragenden Glaubensschwestern werden mehr und mehr zur primären Zielscheibe des antimuslimischen Rassismus, sie erfahren Ausgrenzung, Beschimpfungen und Gewalt. Es ist daher die Verantwort unserer Glaubensgemeinschaft, Seite an Seite für ihre Rechte einzustehen und Aufklärungsarbeit, Kampagnen und wirksame Projekte ins Leben zu rufen.