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Ein Nachwort für das Jahr 2020

Rückblickende Worte des DMG-Präsidenten

Bismillah, mit dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

As-Salamu Alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh liebe Glaubensgeschwister, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Mitglieder,

seit einigen Tagen ist das Jahr 2020 vorüber und wir schreiten nun in ein neues Jahr. Natürlich wissen wir, dass ein Jahreswechsel nicht schlagartig alle Herausforderungen und Probleme auf Null setzt. Aber er ist eine gute Gelegenheit, innezuhalten und zurückzuschauen. Denn so schwer das Jahr 2020 auch war, hat es uns doch vieles über uns und unsere Gesellschaft gelehrt. Unsere Werte, wie Solidarität, Verantwortungsgefühl und Nächstenliebe waren auf dem Prüfstand. Nie zuvor in der jüngeren Geschichte unseres Landes sahen wir uns einer so lebensbedrohlichen Lage ausgesetzt, die nur durch aufmerksame Rücksicht auf unsere Mitmenschen überwunden werden kann. Weltweit zog die Pandemie alle Lebensbereiche in Mitleidenschaft. Wir bewegen uns mittlerweile auf 90 Millionen Infektionen und über 1,8 Millionen Todesopfer zu. Über das geschichtsträchtige Jahr 2020 wird heute und noch in naher Zukunft viel in Superlativen gesprochen werden. In der Tat werden uns die Folgen und Auswirkungen noch eine lange Zeit beschäftigen. Einiges davon wird unser Leben nachhaltig verändern. Nun ist es an der Zeit zu fragen: Wie haben wir dieses Jahr erlebt und was haben wir daraus gelernt, wie stellen wir uns auf, um die noch kommenden Herausforderungen zu meistern?

Noch vor genau einem Jahr sah die Welt für die Deutsche Muslimische Gemeinschaft und für die meisten anderen Organisationen in Deutschland ganz anders aus: Die Jahrespläne waren fertig, Veranstaltungen und Reisen standen in den Startlöchern, Ideen warteten darauf, umgesetzt zu werden. Mit der Corona-Pandemie, die unseren Alltag und unsere Gemeindearbeit auf den Kopf stellte, hatte niemand gerechnet. Als gläubige Menschen sollten wir uns aber stets bewusst sein, dass auch Prüfungen und Krisen ein Teil von Allahs Plan sind. Sie lassen uns achtsam werden gegenüber all den wunderbaren Dingen, die wir als Selbstverständlichkeiten hinnahmen. Gleichzeitig sollten wir dankbar für die Privilegien sein, die uns unser Sozialstaat bietet: wirtschaftliche Unterstützung und eine weitreichende medizinische Versorgung der Erkrankten. Hunderttausende Menschenleben in Deutschland wurden vermutlich durch die strengen Maßnahmen gerettet. Vielen Menschen auf der Welt ist der dafür nötige Wohlstand nicht vergönnt, insbesondere dort, wo sie selbst ohne Pandemie am äußersten Rand der Menschenwürde leben müssen. Diese Menschen dürfen wir nicht vergessen und sollten mindestens in unseren Gebeten für die Verbesserung ihrer Lage bitten.

Rückblickend war das Jahr 2020 eine Zeit der Veränderung. Die Neuausrichtung der DMG nahm im Jahreswechsel von 2019 auf 2020 mehr und mehr Form an. In zahlreichen Positionspapieren arbeitete die DMG ihre Vorstellungen und Ansichten auf. Einerseits handelt es sich dabei um neue Positionen, andererseits aber auch um Änderungen, die schon vor einer ganzen Weile stattgefunden haben und jetzt detaillierter schriftlich festgehalten werden. Weil diese einem demokratischen Entscheidungsprozess unterliegen, in dem immer wieder alle Mitglieder involviert sind, werden sie oft von angeregten Diskussionen begleitet. Veröffentlicht wurden sie zum größten Teil auf der neuen Webseite, die Anfang des Jahres neu aufgesetzt wurde. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen und es erwarten uns noch weitere Diskussionen, die auch mit unserem europäischen Dachverband, dem Council of European Muslims (CEM), und all seinen Mitgliedsorganisationen zu führen sind. Aus all diesen Aktivitäten kann man erkennen, dass die DMG sich authentisch neu ausrichtet. In Folge dessen kam auch die Öffentlichkeitsarbeit nicht zu kurz und Vertreter der DMG führten mehrere Gespräche mit Journalisten und unterschiedlichen Vertretern der Zivilgesellschaft. 

Am Anfang der Pandemie mussten sich die muslimischen Gemeinden an die neuen Umstände anpassen - und das sehr schnell. Wir erinnern uns an die Diskussionen: Wie soll man mit den Massen an Menschen umgehen, die sich wöchentlich zum Freitagsgebet versammeln? Wie soll das Gemeinschaftsgebet stattfinden, wenn auf den Sicherheitsabstand zu achten ist? Wie verläuft nun die Totenwaschung, wenn jemand am Corona-Virus verstirbt? Die meisten muslimischen Organisationen haben rasch Lösungen gefunden, auch die DMG hat als einer der ersten in Deutschland Ratgeber und Informationsmaterialien erstellt. Viele Moscheen in Deutschland haben ihren Betrieb stark reduziert oder gar gänzlich eingestellt, noch bevor die staatlichen Einschränkungen in Kraft traten. Indem die Gemeinden große soziale, spirituelle und finanzielle Einbußen in Kauf nahmen, haben sie Verantwortungsbewusstsein bewiesen. Darauf können wir als Musliminnen und Muslime stolz sein. Muslimische Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger haben Hand in Hand mit ihren Kolleginnen und Kollegen Großartiges geleistet. Im Frühjahr finanzierte die DMG einen Maskennäh-Aktion, als Gesichtsschutz noch knapp war. 

Eine besondere Geduldsprobe war es, den Fastenmonat Ramadan und die islamischen Festtage nur in kleinstem Kreise erleben zu können und schweren Herzens den Ausfall der jährlichen Pilgerfahrt mit ansehen zu müssen. Es war die gleiche Zeit, in der die DMG und viele andere Organisationen kreative Ideen und Lösungen entwickelten, zumeist Online-Formate, die wir zuvor nicht auf dem Schirm hatten. Gewissermaßen hat uns die Pandemie in das kalte Wasser der längst überfälligen Digitalisierung geworfen. Mit der Kampagne “Macht eure Häuser zu Gebetsstätten” riefen wir die Gläubigen insbesondere im Ramadan dazu auf, die aufgebürdete Zeit der Isolation mit Spiritualität und innerer Einkehr zu füllen. Wir entwarfen ein Koran-Homeschooling, mit dem Kinder und Jugendliche sich im Ramadan mit der letzten Botschaft Gottes beschäftigen konnten, einen Online-Koranwettbewerb wie auch erst kürzlich das Online-Korancamp. In der neu eingeführten Rubrik der KidsZone stellte die DMG Bastelanleitungen, Rätsel und Ausmalbilder für Kinder bereit. Die Studienzirkel der DMG wurden online fortgesetzt und über Webkonferenzen wurden Alternativen zu Seminaren und Podiumsdiskussionen geboten. Leider musste die geplante Jahreskonferenz mit neuem Konzept verschoben werden. Dafür konnten wir neue Erfahrungen in Online-Projekten sammeln: Social-Media-Kampagnen, Quizze, Videos. Die Palette ist vielfältiger geworden und wird es, so Gott will, auch nach der Pandemie bleiben.

Das Jahr 2020 war ohne Frage überschattet von der Pandemie. Dennoch dürfen viele denkwürdige Ereignisse, erfreuliche wie auch tragische, nicht in Vergessenheit geraten. Wir gedenken der vielen Menschen, auch verdienter Mitglieder unserer Gemeinschaft wie Mouin Taraji oder Muhammad Faour, die zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt sind. Ebenso die vielen an Corona Erkrankten, unter ihnen auch einige unserer Mitglieder, schließen wir unsere Gebete ein. Darüber hinaus beschäftigt uns das Desaster von Moria, das unzählige Geflüchtete nach wie vor unter unwürdigsten Bedingungen beherbergt und durch einen Brand die europäische Gemeinschaft auf eine ethische Probe stellte. Terroranschläge erschütterten uns in Frankreich und Österreich und kosteten mehreren Menschen das Leben. Der betroffenen Kirche in Nizza haben wir in einem offenen Brief unsere Solidarität erklärt. Leider mussten wir in diesen zwei Staaten und zum Teil auch in Deutschland unverhältnismäßige Reaktionen beobachten, die sich vor allem gegen unbeteiligte engagierte Musliminnen und Muslime richteten. In den Zeiten der Krise, in denen die muslimische Glaubensgemeinschaft sich selbstlos für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft einsetzte, hätten wir erhofft, dass die gewohnten Reaktionsmuster auf Terroranschläge ausbleiben würden. Vor allem in Frankreich und Österreich nehmen islamophobe Tendenzen in der Politik auf besorgniserregende Weise zu.

Auf der anderen Seite durften wir 30 Jahre Mauerfall und die Abwahl von Donald Trump feiern. Ein Lichtblick für uns alle und ein Rückschlag für den internationalen Rechtspopulismus. In einer besonderen Note göttlicher Bestimmung war es ein muslimisches Forscherehepaar mit türkischen Wurzeln, das den ersten Impfstoff weltweit Made in Germany entwickelte. Im Rahmen der gesamte “Integrationsdebatte” ist ein solcher Erfolg ein erfrischendes Beispiel für die vielfältige Bereicherung, die muslimisches Leben in Deutschland an so vielen Stellen darstellt.

Wir müssen davon ausgehen, dass wir auch trotz Impfstoff noch einiges an Zeit brauchen werden, um zur Normalität zurückzukehren. Aktuell gehen wir davon aus, dass auch der diesjährige Ramadan nur mit Kontaktbeschränkungen und nicht wie üblicherweise in unseren Gemeinden stattfinden wird. Deshalb konzentrieren wir uns 2021 darauf, unser Repertoire zu erweitern und die Erfahrungen aus den Lektionen des letzten Jahres miteinfließen zu lassen. Insbesondere sind wir gefordert, unsere unterschiedlichen Aktivitäten in einem Gesamtkonzept zu bündeln und der muslimischen Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.

Eines der Ergebnisse der Online-Klausurtagung, zu der wir Gäste wie Herrn Prof. Dr. Schiffauer oder Bernd Posselt begrüßen durften, sind die Ziele für 2021: (1) die Motivation der Studienzirkel, auf lokaler Ebene praktische Projekte umzusetzen (z.B. Dialogprojekte, Jugendaktivitäten, Obdachlosenhilfe usw.), (2) die Förderung der Mitglieder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und der Aufbau entsprechender Strukturen, (3) die Vertiefung gesellschaftlicher Beziehungen und Kooperationen, inklusive einer größeren Transparenz unserer Entwicklung. Hierzu werden wir, so Gott will, im Rahmen des zweiten Teils unserer Online-Mitgliederversammlung zeitnah neue Informationen zukommen lassen.

Mit jedem vergangenen Jahr rückt auch der Zeitpunkt näher, an dem wir unserem barmherzigen Schöpfer entgegentreten werden. Unser höchstes Anliegen ist die Vorbereitung auf diesen Moment, indem wir ein Leben gestalten, das von Gottesbewusstsein und dem Dienst an unseren Nächsten geprägt ist; eine Lebensweise, die unserem Egoismus Einhalt gebietet und dem Wohl aller zugutekommt. Unser größtes Bedürfnis als Sachwalter Gottes auf Erden sollte es stets sein, im tiefsten Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen an einer besseren Welt mitzuwirken.

Khallad Swaid
Präsident der DMG