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Frauen ohne Kopftuch: Teil unserer Gemeinden

Ein Beitrag über Frauen in unseren Gemeinden, die kein Kopftuch tragen.

Frauen mit Kopftuch stehen im Fokus – über ihre Herausforderungen wird in regelmäßig gesprochen. Wie sieht es aber aus mit muslimischen Frauen, die sich bewusst gegen das Kopftuch entschieden haben? Was ist mit den Frauen, die vielleicht jahrelang ein Kopftuch getragen und es dann abgelegt haben, oder all jene, die es gerne tragen würden, aber durch bestimmte Umstände daran gehindert werden? Welche Erfahrungen machen sie? Wie begegnet ihnen die Moscheegemeinde? Eine unserer Redakteurinnen hat sich diese Fragen gestellt und sich die Situation in den Moscheen genauer angeschaut:

„Der Gebetsraum ist bereits gut gefüllt. Junge Frauen und Männer machen es sich gemütlich, unterhalten sich mit dem Sitznachbarn und genießen den Frieden, der sie umgibt, bevor der Referent seinen Vortrag beginnt. Kurz darauf betritt eine Frau den Raum. Sie trägt kein Kopftuch. Zur Begrüßung wird sie von ihren Glaubensschwestern herzlich in den Arm genommen. Dann öffnet sie ihren Rucksack und zieht ein Tuch heraus, das sie sich locker um ihre Haare bindet. Nach dem Unterricht legt sie es wieder ab. Beim Verlassen der Moschee frage ich sie mit der mir größtmöglichen Sensibilität, warum sie während des Unterrichts ein Kopftuch trägt, wenn sie das Gebot doch sonst auch nicht praktiziere. Sie berichtet von Blicken, die sie durchbohrten, als sie anfing, regelmäßig die Moschee zu besuchen, ohne Kopftuch: »Zwar sagte niemand etwas Böses, aber manchmal genügen Blicke und eine spürbare Distanz, die dein Gegenüber aufbaut. Ich habe mich auf mein fehlendes Kopftuch reduziert gefühlt. Während der Gebetszeit habe ich natürlich einen Hijab getragen. Das war dann der Augenblick, in dem die anderen mich motivieren wollten, das Kopftuch nicht mehr abzulegen. Ich würde hübsch darin aussehen und man könne das Licht in meinen Augen sehen. Ich weiß, dass sie es gut meinen. Ich weiß, dass sie mich ermutigen wollen. Dennoch waren sie aufdrängend. Was geschah war, dass ich nicht mehr in die Moschee gehen wollte.«

Ich höre ihr zu und beobachte, wie ihre Augen glasig werden. Sie erzählt mir, dass es sie wütend machte, anderen Menschen die Macht gegeben zu haben, sie zu beeinflussen. Sie genoss den Unterricht eigentlich. Sie hörte dem Referenten gerne zu und fühlte sich gut dabei, zumindest ein Pflichtgebet in der Moschee zu verrichten. »Manchmal konnte ich die anderen verstehen. Das Unbekannte, das Fremde – es erfordert Mut die Komfortzone zu verlassen und zu akzeptieren, dass mein Gegenüber einen anderen Weg geht. Entschlossen fasste auch ich meinen Mut zusammen und besuchte den Unterricht wieder«, erzählt sie weiter.

Das Tragen des Kopftuchs ist ein Gebot von Gott. Frauen wurde auferlegt, sich auf eine bestimmte Weise zu kleiden. Ob sie diese Vorschrift praktizieren oder nicht, liegt zwischen ihnen und ihrem Schöpfer. Mit Milde, Barmherzigkeit und in Achtsamkeit können wir unser Geschwister motivieren, Gutes zu tun und gemäß den Geboten bzw. Verboten Gottes zu leben. Ein einfaches Zuhören ist oft hilfreicher, als dass man den Zeigefinger erhebt und anfängt, sein Gegenüber belehren zu wollen. Unsere Lebensumstände sind verschieden. Nicht selten wird Frauen aus einer familiären Situation heraus das Tragen eines Kopftuchs verboten. Andere können die täglichen Anfeindungen auf der Straße oder die nicht endenden politischen Diskussionen rund um das Kopftuch nicht ertragen. Während man Männern nicht sofort ihre religiöse Zugehörigkeit ansieht (obwohl sie anhand von Haut- und Haarfarbe auch gerne mal vermutet wird), werden Frauen mit Kopftuch in der Berufswelt auf genau dieses reduziert.

Wir alle müssen lernen empathisch mit den Ängsten unserer Schwestern umzugehen. Sie aus den Moscheen zu vertreiben, ist nicht im Sinne unserer Geschwisterlichkeit. Um sie zu stärken, ihnen Mut zuzusprechen und sie zu unterstützen, müssen wir ihnen zeigen, dass sie verstanden und akzeptiert werden, dass sie ein gleichwertiger Teil der Gemeinden sind, ob sie nun ein Kopftuch tragen oder nicht.
Wenn diese Grundbedürfnisse nicht in der Moschee erfüllt werden – wo dann?