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Gedenktag zum Mawlid

Ein Interview mit Mohamed Matar über das Feiern des Geburtstages des Propheten.

Frage: Liebe zum Propheten ﷺ, was bedeutet das?


Mohamed Matar: Liebe zum Propheten ﷺ bedeutet, ihm nah sein zu wollen, an ihn zu denken, seinem Weg zu folgen, mit ihm sprechen und ihn treffen zu wollen. Wir Muslime sprechen die sogenannten ṣalawāt auf bzw. für den Propheten Muḥammad ﷺ, wir übersetzen es mit „Segenswünschen“, doch es sind nicht irgendwelche Worte, die wir sprechen, es ist eine Verbindung mit ihm ﷺ. Die Engel teilen dem Propheten ﷺ mit, wer wann für ihn die ṣalawāt gesprochen hat. Nicht nur das, es wird überliefert in den Sunan von Abī Dāwūd, dass der Prophet ﷺ den Gruß erwidert. Das Sprechen des Friedensgrußes ist eines der Hauptmittel, das Allāh uns gegeben hat, um uns mit dem Propheten ﷺ verbinden zu können. Liebe in der arabischen Sprache bedeutet auch Sich-Erinnern an ein Geschenk, an eine Gnade, die man erhalten hat (taḏakkur an-niʿma). Der Prophet Muḥammad ﷺ ist ein Geschenk von Allāh für die gesamte Menschheit. Er ﷺ ist ein Vorbild, das uns innere Ruhe und Zufriedenheit schenkt, wenn wir versuchen, seinen Charakter in die Tat umzusetzen. Das Erinnern an ein Geschenk führt zu Freude und Dankbarkeit und Dankbarkeit führt zu Liebe. Doch um jemanden wirklich lieben zu können, muss man ihn kennen und jeden Tag aufs Neue versuchen ihn kennenzulernen. Hier sind wir aktiv gefragt, uns intensiv mit seinem Leben und seinen Lehren auseinanderzusetzen. Der Monat Rabīʿ al-Awwal, der Monat seiner Geburt ﷺ kann dafür jedes Jahr ein Startschuss sein und eine Auffrischung.

Frage: Wenn du an den Propheten ﷺ denkst, was kommt dir dann als erstes in den Sinn?

Mohamed Matar: Barmherzigkeit, Milde, Nachsicht…sein Lächeln möchte ich sehen, seine Entschlossenheit und Zielstrebigkeit miterleben…
Einerseits ist er uns sehr nah durch seine Menschlichkeit, andererseits kann keiner wie er ﷺ sein, wir können eine sehr innige Verbindung zu zu ihm ﷺ und seinen Lehren aufbauen und gleichzeitig müssen wir eine besonderes Benehmen im Umgang mit seinem Namen, seiner Person und seinen Aussprüchen an den Tag legen.

Frage: Welche Rolle kann diese Jahreszeit, der Monat der Geburt des Propheten Muḥammad ﷺ für uns Muslime in Deutschland spielen, könnten wir dem sogenannten Mawlid eine Bedeutung verleihen?

Mohamed Matar: Wir Menschen brauchen Vorbilder. Man könnte fast sagen, dass es Teil unserer natürlichen Veranlagung ist, uns an etwas orientieren zu wollen. Weshalb schmücken wir unsere Wände, Schränke, Smartphone-Bildschirme, Facebook- oder Instagram-Pinnwände und Zeitschriften beispielsweise mit bekannten Persönlichkeiten. Ein Vorbild gibt uns halt, hilft uns bei der Sinnsuche, gerade in Zeiten von Identitätskrisen und Chaos von Ideen und Gedanken. So banal es für einen Muslim auch klingen mag, der Prophet Muḥammad ﷺ muss wieder zum Vorbild für uns werden. Den Sinn unseres Dasein erkennen wir durch ihn ﷺ und dabei müssen wir die richtigen Fragen stellen: Wie kann ich, als in Deutschland beheimateter Muslim, die Lehren des Propheten ﷺ und sein Vorbild in Deutschland wiederbeleben angesichts aktueller Debatten rund um Migration, Rassismus, Umwelt, Bildung, Medien, Wirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt? Hier müssen wir uns auf den Teppich oder an einen Tisch setzen und diskutieren. Diese Zeit ist außerdem eine gute Gelegenheit, den Propheten Muḥammad ﷺ der Gesellschaft, in der wir leben und dessen Teil wir sind, näher zu bringen durch Einladungen oder Veranstaltungen ähnlich wie am Tag der offenen Moschee, denn leider ist das Bild des Gesandten ﷺ bei Nicht-Muslimen oft verzerrt.

Frage: Was ist deine Meinung zu den ständigen Diskussionen rund um den Mawlid - ḥalal, ḥaram, bidʿa…?

Es gehört wohl zu den Lieblungsdiskussionsthemen einiger Muslime, genau wie die Bestimmung des Monats Ramadan oder das Wählen. Das Diskutieren an sich ist nicht das Problem, sondern die fehlende Diskussionsetikette dabei. Wir wissen oft nicht, wie wir diskutieren sollten oder weshalb überhaupt, denn wenn es dazu führt, dass wir Muslime anfangen, uns zu beleidigen oder andere bestimmten Gruppen zuzuordnen, dann sollte wir uns fragen, ob wir dabei eine reine Absicht haben. Zum Mawlid oder den Feierlichkeiten zum Gedenken an den Propheten ﷺ kann es ruhig unterschiedliche Ansichten geben. Was alle wissen sollten, dass das Organisieren einer Mawlid-Veranstaltung an sich mich nicht zum Muslim oder Nicht-Muslim macht, eine Feierlichkeit ist kein Kernelement unseres Glaubens. Die Liebe zum Propheten ﷺ wiederum ist ein Kernelement, ja ohne den īmān an den Propheten Muḥammad ﷺ und das Befolgen seiner Sunna, können wir keine Muslime sein. Da kann jemand so oft wie er möchte „Reformen“ verlangen, hier kann es keine Reform geben. Viele Muslime möchten ihre Liebe zum Propheten ﷺ durch Mawlid-Feierlichkeiten zum Ausdruck bringen, in denen sie Lobgesänge singen, Vorträge organisieren und über sein Leben ﷺ nachsinnen, andere möchten nicht an Mawlid-Feierlichkeiten teilnehmen oder sie organisieren, beides ist legitim. Um eines klar zu stellen: Mawlid-Feierlichkeiten widersprechen NICHT „dem Koran & der Sunna“, wie einige es verkaufen möchten, genügend Gelehrte unserer Tradition haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Lasst uns also einfach gelassen bleiben bei diesem Thema, schon gar nicht darf es ein Grund für Zwietracht sein.

Frage: Wenn du einen Moment mit dem Propheten ﷺ verbringen könntest, welcher aus seiner Sīra wäre das gewesen?

Mohamed Matar: Sehr gute Frage…dazu habe ich mal einen Brief veröffentlicht, einen Brief an den Propheten ﷺ, „Worte an den Geliebten ﷺ“ hatte ich es genannt. Vielleicht teile ich diesen an dieser Stelle einfach:

„Während meines Spaziergangs an diesem Morgen froren wieder meine Ohren und Nase, gleichzeitig wurde mir warm ums Herz. Eine Mischung aus Angst, Hoffnung, Trauer und Liebe. Ich dachte über dich nach yā Rasūl Allāh ﷺ. Ich dachte darüber nach, was ich dir gerne sagen möchte. Ich wäre gerne im Hause Ḫadīǧas dabei gewesen, um deinen zitternden Körper zu bedecken. Wie gern hätte ich im Hause al-Arqams bei dir gesessen, die reine Botschaft aus deinem gesegneten Mund hörend. Wie gern hätte ich bei dir gestanden und dein schönes Gesicht geschützt und dich vom Schmutz gereinigt, mit dem du beworfen wurdest, so wie es Fāṭima tat. Wie gern hätte ich mich bei al-Ṭāʾif schützend vor dich gestellt und deine Wunden behandelt, so wie Zaid es versuchte. Bei deiner Hiǧra, wie gern hätte ich dir da die Schüssel Milch gereicht. Als du die ersten Steine in die Hand nahmst, um deine Moschee zu bauen, wie gern hätte ich sie dir abgenommen. Wie gern wäre ich an der Stelle von Saʿīd b. Muʿalla gewesen, als du seine Hand nahmst und ihm von dem Besten, das dir gegeben wurde erzähltest, der Fātiḥa. Oder an der Stelle von ʿAbdullāh b. Maẓʿūm bei dessen Tod, als deine Tränen über sein Gesicht flossen. Oder an der Stelle von ʿUmar b. al-Ḫaṭṭāb, als du ihn ermahnend an der Brust packtest. Wie gern wäre ich dabei gewesen, als du am Grab deiner Mutter Āmina standest, zitternd, weinend, mit dir weinend. Wie gern hätte ich von deiner Bescheidenheit und Raḥma gelernt, bei deinem Einzug in Mekka. Dein gesegnetes Haar, wie gerne hätte ich nach deiner Ḥaǧǧ etwas davon aufgefangen. Wie gern yā Rasūl Allāh, hätte ich dir deinen Siwāk gebracht, in den letzten Tagen und Stunden deines Lebens. Mein Herz sehnt sich nach deiner Liebe yā Rasūl Allāh. Meine Ohren sehnen sich nach deiner Qurʾān-Rezitation, die die Herzen zum einem Frühling aufblühen ließ, meine Seele sehnt sich nach einem Gebet mit dir, Schulter an Schulter. Meine Augen sehnen sich nach deinem strahlenden Lächeln. Eine Raḥma für die Weltenbewohner. Wenn ich mit Sicherheit wüsste, dass ich ein Bittgebet offen hätte, das mit Sicherheit erfüllt wäre, dann würde ich um deine Gefährtenschaft im Paradies bitten. Die ṣalawāt Allāhs für dich und Sein Wohlgefallen für deine Gefährten allesamt.

Allāhumma ṣalli ʿalā Muḥammadin wa ʿalā ʾāli Muḥammad"