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Im Gedenken an Prof. Dr. Rolf Verleger

Psychologe & Menschenrechtsaktivist, 1951-2021

Schweren Herzens trauern wir um Prof. Dr. Rolf Verleger, der am 8. November im Alter von 69 Jahren verstarb. Als Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender verstand er es wie kaum ein anderer, wie kostbar Gerechtigkeit und Frieden in unserer Welt sind. Prof. Verleger war nicht nur Psychologe und Hochschullehrer, er war vor allem ein Mensch, der sich mit Intellekt und Herz für eine bessere Welt einsetzte. Er war eine Stimme, die sich für Frieden im Nahen Osten und für die Gleichberechtigung von Minderheiten in Deutschland aussprach.

Möge Gott seinen Hinterbliebenen in diesen schweren Zeiten Trost spenden.

Im Gedenken an Prof. Dr. Rolf Verleger veröffentlicht die DMG seinen Redebeitrag auf der Jahreskonferenz vom 09. September 2018 in Schrift und Video.

Dass jüdisches Leben in Deutschland noch eine Zukunft haben könnte, blieb lange Zeit ungewiss. Ich zum Beispiel habe keine Verwandten in Deutschland außer meiner Mutter, meiner Frau und unseren Kindern. Alle anderen Verwandten meiner Generation – Kinder der wenigen in Deutschland verbliebenen Überlebenden – sind ebenso wie meine beiden Geschwister schon vor vielen Jahren nach Israel oder in die USA ausgewandert. Entsprechend hatten Ende der 1980er-Jahre, vor dem Fall der Mauer, die jüdischen Gemeinden nur noch eine kleine und überalterte Mitgliedschaft: in Westdeutschland noch ungefähr 30.000 Mitglieder, in Ostdeutschland circa 8.000. Aufgrund dieser Lage trafen 1991 Bundeskanzler Kohl und der Zentralratspräsident Galinski die Vereinbarung, dass Menschen jüdischer Herkunft aus der zusammenbrechenden Sowjetunion in Deutschland Niederlassungsrecht erhalten sollten, um hier wieder jüdisches Leben aufzubauen. Heute, fünfundzwanzig Jahre später, haben die jüdischen Gemeinden in Deutschland daher etwa 100.000 Mitglieder, überwiegend russischer Muttersprache. Man schätzt, dass weitere 100.000 russische Muttersprachler jüdischer Herkunft nach Deutschland gekommen sind, ohne in eine jüdische Gemeinde einzutreten. Darüber hinaus gibt es eine beträchtliche Zurück- und Auswanderung israelischer Juden nach Deutschland, insbesondere nach Berlin, sodass zum Beispiel in Berlin heutzutage wohl mehr als 20.000 Juden mit israelischem Pass leben. Beispielsweise die jüdische Gemeinde in Lübeck, vor dreißig Jahren praktisch nicht existent, hat jetzt ungefähr 700 Mitglieder. Natürlich beteiligen sich, wie bei den Kirchen, fast nur die älteren Menschen am Gemeindeleben, die nicht mehr arbeiten und daher auch nicht richtig deutsch lernen. Die Umgangssprache ist daher russisch – wenn ich auf die jährliche Mitgliederversammlung gehen würde, bräuchte ich einen Dolmetscher. Für Einwanderergruppen ist das vermutlich völlig normal – es braucht eine Generation, bis man sich auch sprachlich voll integriert. Mein Vater konnte auch nicht richtig deutsch – seine Muttersprache war Jiddisch, er sprach deutsch mit hörbar jiddischem Akzent –, und sein Sohn schreibt jetzt auf deutsch ganze Bücher. Die örtlichen jüdischen Gemeinden sind eigenständige Vereine. Sie müssen sich aber mit anderen Gemeinden ihres Bundeslands zu einem Landesverband zusammenschließen, der den Ansprechpartner und Geldmittelempfänger für die Kultusbehörde der Landesregierung bildet. Die Landesverbände entsenden Delegierte auf die nationale Ebene, die sich alle drei Monate in Berlin treffen; das ist der Zentralrat. Der Zentralrat, als Vertretung der deutschen jüdischen Gemeinden, muss sich in zweierlei Hinsicht gegenüber Politik und Gesellschaft in Deutschland positionieren. Das ist zum einen die Frage, wie wir unsere Rolle in Deutschland als Minderheit ausfüllen. Zum anderen ist es die Frage, wie wir es mit den Menschenrechten halten. Zu unserer Rolle als Minderheit: Es ist ganz offensichtlich – das kann man an vielen offiziellen Anlässen sehen, bei denen Vertreter des Zentralrats als geladene Gäste teilnehmen –, dass wir Juden in Deutschland eine privilegierte Minderheit sind. Ich denke, dass das nach den Verbrechen der Nazizeit mit einem gewissen Recht geschieht, zumindest solange die Generation unserer Eltern lebte, der unmittelbaren Opfer der Nazis. Die Frage lautet nun: Wie gehen wir Juden, wie geht der Zentralrat mit dieser Rolle einer privilegierten Minderheit um? Sollen wir, wie jeder gute Lobbyist, aufgrund dieser privilegierten Position möglichst viele Vorteile für unsere Organisation herausverhandeln? Laufen wir nicht Gefahr, durch das Betonen eigener Privilegien gesellschaftliche Unterstützung außerhalb der Politikerkaste einzubüßen? Wie halten wir es mit den anderen Minderheiten in diesem Land, insbesondere mit der viel größeren anderen religiösen Minderheit: den Muslimen? Gerade auf diese letzte Frage lassen sich verschiedene Antworten geben; beispielhaft dafür sind die entgegengesetzten Positionen der Zentralratspräsidenten Bubis und Knobloch. Bubis wurde 1992 Zentralratspräsident, zu einer Zeit, in der im neu vereinigten Deutschland Fremden- und Minderheitenfeindlichkeit aufloderten: In Hoyerswerda und Rostock wüteten Pogrome gegen Vietnamesen, in Mölln kam Familie Arslan in den Flammen eines Brandanschlags um und in Solingen die Familie Genç, und unsere Lübecker Synagoge wurde 1994 und 1995 mit Brandbomben beworfen. Immer war Bubis zur Stelle, repräsentierte das Entsetzen der anständigen Deutschen und wirkte so, als sei er nicht nur Zentralratspräsident der Juden, sondern gleichzeitig Zentralratspräsident aller Minderheiten in Deutschland. Seine öffentlichen Stellungnahmen, seine aufrechte Haltung verschafften ihm soviel Respekt, dass ernsthaft außerhalb der jüdischen Gemeinschaft erwogen wurde, ihn als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten aufzustellen. Seine Nachfolger Paul Spiegel und Charlotte Knobloch hatte glücklicherweise weniger Gelegenheit, zu solchen Mordbrennereien Stellung nehmen zu müssen, aber zu Knobloch hätte es auch nicht gepasst. Sie wirkte nicht so, als lägen ihr Vietnamesen und Türken am Herzen. Am Herzen lag und liegt ihr nur ihre jüdische Gemeinde, in München und bundesweit. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie als Interessenvertreterin und mütterliche Ratgeberin guten Kontakt zur Bundeskanzlerin und dadurch einigen Einfluss hatte. Das Problem dabei ist aber, dass man eine glaubwürdige Balance bewahren muss, um nicht als überprivilegiert wahrgenommen zu werden, von der Öffentlichkeit im Allgemeinen, aber eben auch von der anderen religiösen Minderheit, mit deren Religion wir so viele Gemeinsamkeiten haben, den Muslimen. Man könnte nachvollziehen, wenn sich die Muslime mit uns Juden in Deutschland in einer Konkurrenzsituation sehen: Islam und Judentum sind ähnliche Religionen, es gibt viel mehr Muslime als Juden in Deutschland, trotzdem haben wir Juden größeren öffentlichen Einfluss. Nicht schlecht in dieser Hinsicht war es, dass der Zentralrat gar nicht anders konnte und sich für muslimische Interessen einsetzte, als 2012 eine Initiative viel Widerhall in der Öffentlichkeit fand, die den Muslimen die Beschneidung junger Buben untersagen wollte, ebenso bei den immer wiederkehrenden Debatten um das Schächten. Beschneidung und Schächten sind Riten, die der Islam aus dem Judentum übernommen hat. Wenn man im Namen der Aufklärung den Muslimen diese Riten verbieten will, kann man es in einem Rechtsstaat nicht gleichzeitig den Juden erlauben. Auf diese Weise profitieren die Muslime direkt von unserer privilegierten Rolle. Aber wer weiß, ob bei vielen von ihnen nicht eine Kränkung zurückbleibt, wenn sie das Gefühl haben, für sich genommen hier in Deutschland nicht genügend zu gelten und auf andere angewiesen zu sein, um sich in der Politik Gehör zu verschaffen. Man sieht, es ist nicht einfach. Um diese Konkurrenzsituation zu überwinden, müsste idealerweise die jüdischmuslimische Kooperation intensiviert werden und zu einer Selbstverständlichkeit werden. Bescheidene Anfänge dazu gibt es, am weitesten in Hannover, wo die Jüdische Gemeinde unter ihrem langjährigen Vorsitzenden Michael Fürst seit Jahren gemeinsame öffentliche Initiativen mit der Palästinensischen Gemeinde Hannover unter ihrem Vorsitzenden Yazid Shammout durchführt – von Demonstrationen gegen Neonazis über ein gemeinsames Boot bei einer Drachenbootregatta bis zu einem, leider ein Einzelfall gebliebenen, Abend, auf dem ältere Palästinenser und Juden ihr Leben erzählten und einander zuhörten. Die zweite Frage, in der sich die Vertretung der jüdischen Gemeinden positionieren muss, ist unser Verhältnis zu Menschenrechten. Juden in Deutschland waren die Opfer deutsch-nazistischer Verfolgung. Als solche bekamen wir nun die Rolle als Mahner, als moralische Instanz, als Hüter der politischen Korrektheit. Ritualisiert geschah das und geschieht so noch immer jedes Jahr neu, am 9. November und am 27. Januar, ebenso bei der Einweihung neuer Synagogen und bei der Verlegung von Stolpersteinen. Da heißt es dann immer und eigentlich völlig zu recht: »Nie wieder!« Das Problem hierbei: Der Zentralrat gerät in dem Moment in Widerspruch zu dieser Rolle als moralische Instanz, wenn er sich vorbehaltlos mit der Politik des Staats Israel identifiziert. Dieser Widerspruch entsteht, weil Israels Politik in vielfältiger Weise die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung verletzt. Also wird der Zentralrat – und mit ihm die von ihm vertretene jüdische Gemeinschaft Deutschlands – von der deutschen Bevölkerung zunehmend als unglaubwürdig in dieser Rolle als moralische Instanz angesehen.

Der Beitrag von Prof. Dr. Verleger ist ein Auszug aus seinem Buch „Hundert Jahre Heimatland? Judentum und Israel zwischen Nächstenliebe und Nationalismus“, das 2017 im Westend Verlag veröffentlicht wurde. Die DMG bedankt sich herzlich beim Westend Verlag für die Nutzungserlaubnis im Rahmen dieser Dokumentation.