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Interview mit Imam Ferid Heider - Teil 1

Der Berliner Imam Ferid Heider zum Thema Heimat - Teil 1.

Frage: Sheikh Ferid, gefühlt wird aktuell kaum etwas so stark debattiert wie das Thema Heimat. Dieses Jahr war es auch das Motto des traditionellen Tag der offenen Moschee. Was bedeutet für Ferid Heider „Heimat“?

Ferid Heider: Heimat ist für mich der Ort, an dem ich mich geborgen fühle, an dem ich mich wohl fühle, vielleicht auch der Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin. Der Ort, an dem ich gerne bin, das heißt, Heimat kann auch eine Wahlheimat sein. Selbst wenn ich nicht hier geboren bin, kann ich mich für diesen Ort entscheiden, wenn dies der Ort ist, an dem ich mich wohl fühle. Dies erst einmal kurz und aus dem Bauch heraus.

Frage: Ist Deutschland aktuell für dich Heimat?

Ferid Heider: Deutschland war schon immer meine Heimat und wird es hoffentlich auch immer bleiben. Und selbst wenn – was ich nicht hoffe – es zu einem Fall kommen sollte, wo man mir meine Heimat streitig machen möchte und ich vielleicht sogar meine Heimat verlassen müsste, dann würde ich es so machen, wie es der Prophet Mohammed Friede und Segen Gottes auf ihn sagte: „Du bist der Ort, den ich am meisten liebe. Hätten mich deine Einwohner nicht vertrieben, so hätte ich dich niemals verlassen.“

Frage: Im Koran steht der Begriff Heimat nicht direkt; wenn wir Heimat ins Arabische übersetzen, dann haben wir den Begriff „watan“. Im Koran wird aber von „dar“, was soviel wie Heim bedeutet, gesprochen. Welche Botschaft möchte uns der Koran in Bezug auf das Thema Heimat vermitteln?

Ferid Heider: Der Koran spricht das Thema Heimat in unterschiedlicher Weise an. Häufig spricht der Koran vom Begriff „Wohnstätten“. Hier zeigt der Koran auf, was Heimat bedeutet. Es ist der Ort, an dem du wohnst und dich niederlässt, an dem du eine Bleibe hast. Dies ist deine Heimat. In einem anderen Kontext spricht der Koran das Thema auch indirekt an, wenn er über die Propheten spricht, wie sie ihre Völker zum Islam eingeladen und dabei von „ihren Völkern“ gesprochen haben. Das heißt die Propheten haben sich selbst mit einem Volk identifiziert. Dies bedeutet für uns, dass wir uns mit dem Ort, an dem wir leben, identifizieren und zugehörig fühlen. Natürlich bringt dies eine gewisse Form von Verantwortung gegenüber diesem Ort mit sich, gegenüber dem ich auch Loyalität hege. Ein Ort, gegenüber dem ich keinerlei Verantwortung trage, kann ich auch nicht Heimat nennen. Selbst wenn ich dort geboren sein sollte. Wenn ich keinerlei Loyalität habe und keine Verantwortung tragen möchte, kann ich diesen Ort nicht meine Heimat nennen. Im Wort Heimat steckt der Begriff „Heim“. Mein Heim verteidige ich, mein Heim versuche ich zu schützen.

Frage: Das ist aber alles eine sehr subjektive Sicht auf das Heimatgefühl. Wir brauchen nur einen Blick auf die rechte Szene zu werfen und werden feststellen, dass sie ihren Hass und Rechtsextremismus mit genau diesen Motiven entschuldigt – dem Bedürfnis ihre Heimat vor Gefahren zu schützen.

Ferid Heider: Korrekt. Sie sagen auch, sie seien das Volk. Nur wer hat den alleinigen Anspruch auf einen Ort? Nur weil sie behaupten, dies wäre allein ihre Heimat, muss es nicht richtig sein. Ich wüsste nicht, warum ein Neonazi mehr Anspruch auf Deutschland haben soll als ich. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, zahle meine Steuern, bin deutscher Staatsbürger, spreche die deutsche Sprache, liebe Deutschland. Ich bin hier zur Schule gegangen und habe in Deutschland studiert. Jeden Tag baue ich dieses Land mit auf. Ich wüsste nicht, inwiefern ein anderer mehr Rechte erhalten sollte. Wenn es auf die Wurzeln ankommt, dann müsste man den Heimatbegriff verändern. Es gibt ein Grundgesetz, was der gemeinsame Nenner für alle in Deutschland lebenden Menschen sein sollte und wer das nicht anerkennt, der hat keinen Anspruch dieses Land seine Heimat zu nennen.

Berlin, den 18.10.2019