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Interview mit Imam Ferid Heider - Teil 2

Der Berliner Imam Ferid Heider zum Thema Heimat - Teil 2

Frage: Auf politischer Ebene wird immer wieder debattiert, ob ein Mensch mehrere Heimaten haben kann. Kann uns das Leben des Propheten Mohammed sws eine Antwort auf diese Frage bieten?

Ferid Heider: Im Koran lautet es in sinngemäßer Übersetzung, dass die Erde im Endeffekt Gott gehört. Somit ist die Erde Heimat aller Menschen. Ganz gleich, wo ich mich niederlasse – dies ist dann meine Heimat. Ganz einfach, weil sich dort mein Heim befindet und meine Kinder dort auf die Welt kommen. Es gibt ganz klar eine Wahlheimat und die Heimat, zu der ich mich emotional hingezogen fühle. Ich habe sechs Jahre in Ägypten gelebt und fühle mich teilweise mehr ägyptisch als irakisch, obwohl ich irakische Wurzeln in mir habe. Ich habe auch polnische Wurzeln, fühle mich aber absolut nicht polnisch, weil ich noch nie in Polen war und die Sprache auch nicht spreche. Die sechs Jahre in Ägypten haben mich sehr geprägt. Auch wenn ich seit 20 Jahren nicht mehr dort war, so verfolge ich täglich die Nachrichten, die uns aus Ägypten erreichen – ja, Ägypten ist irgendwo meine Heimat. Meine zweite Heimat. Man kann sich genauso aber auch von einem Ort entfremden. Viele Menschen fühlen sich beispielsweise in ihren Herkunftsländern nicht heimisch und wandern aus. Ja, ein Mensch kann verschiedene Identitäten und Heimaten haben.

Frage: Glaubst du, dass die Stimmungsmache gegen die deutschen Bürger, die einen Migrationshintergrund haben, genau das erreichen möchte? Versucht man, diesen Bürgern gerade das Zugehörigkeitsgefühl zu nehmen?

Ferid Heider: Absolut. Das ist bei einigen Parteien sogar schon systematisch. Aussagen, dass die Muslime zwar zu Deutschland gehören würden, der Islam aber nicht, grenzen Bürger aus.

Frage: Du triffst quasi täglich auf Jugendgruppen und bist für viele eine Vertrauens- und Ansprechperson. Kommen Jugendliche mit dem Heimatthema zu dir und kommunizieren mit dir ihr fehlendes Zugehörigkeitsgefühl?

Ferid Heider: Sehr häufig. Regelmäßig höre ich von genau diesen Gedanken und Gefühlen unter den Jugendlichen. Auch online, z.B. auf Facebook, bekomme ich mit, wie Leute ihre Ausreise verkünden. Vor kurzem habe ich von einem Deutsch-Türken gelesen, der in die Türkei ausgewandert ist, weil er es in Deutschland nicht mehr ausgehalten hat. Er fühlte sich benachteiligt und nicht wertgeschätzt. Leider ist es in der Tat so, dass viele das Gefühl haben, sie seien nicht willkommen. Hat jemand von diesen Jugendlichen eine eigenständige Meinung, die durchaus im Einklang mit dem Grundgesetz und den Werten von Deutschland steht, aber einfach nicht in das aktuelle Mindset der deutschen Gesellschaft passt, dann wird diese Person ausgegrenzt und diskriminiert. Özil ist an dieser Stelle das beste Beispiel.

Frage: Was sagst du einem solchen jungen Menschen dann?

Ferid Heider: Ich zeige ihm Verständnis. Ich kann es nachvollziehen, weil ich selbst manchmal diese Gedanken habe. Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn die politische Debatte so weitergeht und die Stimmung hier in meiner Heimat so anhält, sich sogar noch mehr radikalisiert, dann könnte eine solche Auswanderung sogar zu einem Muss werden – einfach weil man es nicht mehr ertragen kann. Ich hoffe nicht, dass es soweit kommt. Wir werden alles tun, dass es nicht soweit kommt.

Frage: Kann man uns als Muslime nicht eigentlich als Heimatlose bezeichnen? Der Prophet spricht von dem Diesseits von einer Rast, einem Zwischenstopp wie auf einer Reise. Wir glauben schließlich daran, dass wir von Gott kommen und zu Ihm unsere Rückkehr ist. Ist unsere Heimat dann nicht eigentlich im Jenseits?

Ferid Heider: Ich sehe darin keinen Widerspruch. Gott verlangt von uns nicht, dass wir uns von dieser Welt abwenden. Diese Welt ist dazu da, um sie zu bebauen, um ihre Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Wir tragen eine Verantwortung gegenüber dieser Welt, solange wir auf ihr Leben. Wir sollen versuchen, sie zu einem guten Heim zu machen. Für uns und für die Generationen nach uns. Deswegen sagt der Prophet auch „Wenn die Stunde beginnen sollte und ihr habt in der Hand einen Sprössling, den ihr einpflanzen könnt, dann pflanzt ihn ein.“ Genau das ist die Einstellung, die wir als Muslime haben sollten. Gleichzeitig wissen wir aber, dass das eigentliche Ziel meines Daseins nicht im diesseitigen Leben liegt sondern im Jenseits. Aber solange ich hier bin, mache ich das beste draus. Ich versuche, diesen Ort zu bereichern.

Berlin, den 25.10.2019