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Offener Brief an Oberbürgermeisterin Henriette Reeker

Anlässlich der jüngsten Morddrohungen spricht die DMG der Oberbürgermeisterin Kölns ihren Beistand aus.

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

es ist uns eine Herzensangelegenheit, Ihnen Mut zuzusprechen und Sie wissen zu lassen, dass wir fest an Ihrer Seite stehen. Für uns ist es eine Frage der Menschlichkeit, Ihnen angesichts der Morddrohungen gegen Sie unseren Beistand öffentlich auszusprechen.


Wenn wir etwas vom tragischen Fall des Herrn Lübcke lernen können, dann dass gemeinsames Wegschauen und Schweigen denen, die Hass und Angst verbreiten möchten, als Bestätigung dient. Unser aufrichtiges Beileid und unsere Gebete gelten den Hinterbliebenen von Herrn Walter Lübcke.

Unmöglich nachvollziehen kann man die Bedrängnis, die Sie erleiden müssen, nach einem knapp überlebten Anschlag nun vor dem Hintergrund eines anderen Mordes erneut mit dem Tode bedroht zu werden. Eine Morddrohung ist eine der perfidesten Ausdrucksformen politischer Gesinnung, denn sie zeigt, dass ein menschliches Leben, das Kostbarste dieser Welt, im Schatten dieser Ideologie als wertlos betrachtet wird. Gerichtet an eine Person des öffentlichen Lebens die offen für Humanität eintritt, greift eine solche Drohung die von uns allen geteilten menschlichen Werte an. Einem Klima der Einschüchterung und des Misstrauens müssen wir uns gemeinsam entgegenstellen.

Mit tiefer Besorgnis verfolgen wir die Nachrichten seit dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten und der Verhaftung vom mutmaßlichen, u.a. aus den NSU-Morden altbekannten Terroristen Stephan E.; parallel dazu die jüngsten Enthüllungen aus der Prepper-Szene mit Verlinkungen zu Teilen der Sicherheitsbehörden und der immer klarer werdenden Strategie der Rechtsextremen, Mitglieder und Sympathisanten in der Exekutive anzuwerben.

Der Aufschwung rechtsextremer Parteien in Europa hat ihren radikalen Anhängern ein neues Selbstbewusstsein verliehen. Gesamtgesellschaftlich wird dem oft nur mit ausweichenden Reaktionen oder Verharmlosungen, teils mit Verweisen auf andere Formen von Extremismus begegnet. Solche Relativierungen sind ein deutliches Anzeichen einer stillschweigenden inneren Rechtfertigung. Es ist erschreckend, dass Gruppen und Personen, die sich selbst klar erkennbar mit einer Ideologie identifizieren, die einst über sechs Millionen Juden das Leben kostete, nicht stärker im Fokus der Sicherheitsbehörden stehen.

Sie, Frau Reker, und Ihre Stadt stehen dabei symbolhaft für die Fülle an kultureller Bereicherung, die die Bundesrepublik Deutschland zu dem macht, was sie heute ist: offen, plural, solidarisch und immer den allgemeinen Werten der Menschlichkeit verpflichtet. Dafür danke ich Ihnen.


Khallad Swaid
Präsident der DMG - Deutsche Muslimische Gemeinschaft e.V.

 

Hintergrund: Frau Henriette Reker ist die Oberbürgermeisterin der Stadt Köln. Im Jahr 2015 wurde sie Opfer eines schweren Messerangriffs, den sie nur knapp überlebte. Der Täter, ein bekennender Rechtsextremist, gab die Flüchtlingspolitik Rekers als Grund an. Frau Reker setzt sich seit Jahren für Flüchtlinge und gegen Rassismus und Diskriminierung ein. Nach dem Mord an Walter Lübcke erhielt sie nun erneut Morddrohungen.