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Tag der offenen Moschee

Im Interview mit Ibrahim El-Zayat

Wir führen ein Interview mit Ibrahim El-Zayat, Vorsitzender des Aufsichtsrates der DMG. Den Tag der offenen Moschee gibt es nun seit 25 Jahren. Du warst sozusagen von Anfang an dabei. Wie ist er entstanden?

Der Tag der offenen Moschee ist aus der Tradition der Treffen deutschsprachiger Muslime entstanden, die seit den siebziger Jahren regelmäßig drei Mal im Jahr abwechselnd in den Islamischen Zentren Aachen, Hamburg und München stattfanden. Dort hatte man auch die Idee zu Islamwochen geboren, die sich dann später zu einem festen Tag im Jahr weiterentwickelt haben, in dem die Muslime ihre Freunde, Nachbarn und alle Mitbürger einladen, etwas aus erster Hand über den Islam zu erfahren. Der ZMD hatte dann die Idee, dies mit dem Tag der deutschen Einheit zu verbinden, was meiner Ansicht nach ein schöner Ausdruck der muslimischen Zugehörigkeit zur Gesellschaft war.  
 
Was war dein schönster Moment in all den Jahren?

Es gibt für mich nicht den "einen" schönsten Moment, sondern viele wertvolle Begegnungen.  Mich haben in den vielen Jahren vor allem die Gespräche beeindruckt, in denen  Menschen aufrichtig erstaunt waren, die erstmals eine Moschee betreten hatten. Viele waren vor  allem überrascht, dass die vielen Vorurteile, die mit dem Islam verbunden werden, keine Grundlage haben. Es stellte sich immer wieder aufs Neue dar, dass der TOM eine der wenigen Plattformen war, in welchen man die unterschiedlichsten Fragen eines guten Zusammenlebens diskutieren konnte und in denen man oftmals feststellte, wie nah doch Positionen von Nichtgläubigen und Gläubigen der unterschiedlichen Richtungen waren, wenn es um die großen Fragen unserer Existenz ging. Der TOM ist einfach ein interessanter geschützter Raum für Gespräche über "Gott und die Welt", von denen es viel zu wenige gibt.

Eine Sache ist mir jedoch besonders in Erinnerung geblieben. Die Begeisterung eines jungen muslimischen Mädchens, die endlich mal in "den Männerbereich der Moschee durfte" und unheimlich ergriffen war, von der Schönheit der Räume. Ihre Begeisterung bewegte mich auf der einen Seite zutiefst, andererseits hat es mir noch einmal verdeutlicht, dass manche Gemeinden Aufholbedarf haben, wenn es um die Zugänglichkeit für Frauen geht.
 
Gotteshäuser sollten von Natur aus allen Menschen offen stehen. Ist nicht jeder Tag ein Tag der offenen Moschee?

Natürlich ist jeder Tag ein Tag der offenen Moschee, aber die Fokussierung auf ein besonderes Ereignis animiert vor allem auch die muslimischen Gemeindemitglieder, sich dieser wichtigen Aufgabe des Dialogs und des Gesprächs mit den Nachbarn und Freunden besonders zu widmen. Einige Besucher kommen jedes Jahr in die gleiche Moschee, einige besuchen jedes Jahr eine andere, so entstehen zum Teil interessante langjährige Beziehungen. Aber natürlich sollte es auch weitere offene Veranstaltungen der Gemeinden geben, die ihre Verortung in der jeweiligen Stadtgesellschaft befördern.
 
Der 3. Oktober ist Tag der Deutschen Einheit. Warum genau dieser Tag? Möchte man damit etwas ausdrücken?

Einige von uns hatten vor 25 Jahren erhebliche Bedenken, diese Veranstaltung am Tag der deutschen Einheit zu machen, da man befürchtete, es würde als übergriffige Vereinnahmung eines deutschen Symbols wahrgenommen werden.  Am Ende sind wir jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass es gerade das richtige Zeichen der Zugehörigkeit der Muslime zur Gesellschaft darstellt.
 
Haben sich die Fragen der Besucherinnen und Besucher innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte verändert?

Selbstverständlich haben die Tagespolitik und die jeweils aktuellen gesellschaftlichen Debatten häufig einen Einfluss auf die Fragen von Besuchern. Aber einige "Klassiker" betreffen das Verhältnis des Islams zu Gewalt, was natürlich viele Menschen beschäftigt. Gerade wenn man sich die Medienberichterstattung zu islamischen Themen ansieht, dann ist dies auch verständlich. Daneben betreffen viele Fragen das Geschlechterverhältnis und die Rolle der muslimischen Frau. Aber ebenso viele Fragen haben einen lokalen Bezug und sind pragmatischer Natur. Allgemein kann man sagen, dass es vielen Menschen auch darum geht, herauszufinden, welche Antworten Religionsgemeinschaften auf die Herausforderungen unserer Zeit haben.
 
Was müsste geschehen, um den TOM noch besser zu machen?

Im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit kann man immer besser werden. Aber ich glaube, dass dies von Moschee zu Moschee sehr unterschiedlich ist. Einige haben bereits heute am TOM mehrere tausend Besucher und sind längst an ihre Kapazitätsgrenzen gestossen, andere Moscheen haben dort noch viel Entwicklungspotential.
 
Der TOM ist womöglich die Aktion, die deutschlandweit von den meisten muslimischen Gemeinden und Verbänden mitgetragen wird. Was hat er in der Zusammenarbeit unter Musliminnen und Muslimen verändert?

Die muslimischen Gemeinschaften in Deutschland sind an ethnischen und sprachlichen Grenzen orientiert. Dies kann man bedauern, aber es ist auch ein erhebliches Bemühen bestimmter, auch innermuslimischer Kräfte da, eine Weiterentwicklung einheitlicherer Strukturen zu behindern. Das Entstehen einer deutsch-muslimischen Identität ist eine langwierige Aufgabe, die in Generationen gedacht werden muss.

Es ist aber auch ein sehr komplexer Sachverhalt, da der Islam als Weltanschauung und Lebensweise dezidiert unstrukturiert ist. Es bedarf keiner Eintragung in einer Gemeinschaft oder einem Verein, um Muslim zu sein. Die Institutionalisierung muslimischer Präsenz ist ein sehr zweischneidiges Schwert, weil es auch immer den Charakter der unmittelbaren Beziehung des Menschen zu Gott tangiert. Jegliche Form der Verfestigung kirchenähnlicher Strukturen widerspricht somit den urislamischen Prinzipien. Dennoch werden in einer "Verbandsdemokratie" institutionalisierte Interessenvertretungen benötigt, welche eine Zusammenarbeit aller muslimischer Gemeinden erfordern. Die islamischen Institutionen haben mit der Gründung des KRM im Jahre 2007 hier einen wichtigen Schritt gemacht. Der TOM hilft dabei, wechselseitiges Vertrauen aufzubauen und ist sicher eine Erfolgsgeschichte des KRM, aber natürlich nicht die einzige.
 
Manche Seiten fordern, dass Moscheen transparenter sein müssen und aus den Hinterhöfen herausgeholt werden sollen. Auf der anderen Seite führen repräsentative muslimische Gotteshäuser immer mal wieder zu Aufregung. Wie erlebst du diesen Widerspruch?

Dr. Alaeldin El Maafalani hat hierzu vor einiger Zeit ein gutes Buch geschrieben und den Begriff des "Integrationsparadoxon" geprägt. Damit meint er, dass je integrierter die Muslime in der Gesellschaft sind, desto  mehr erfahren sie an Widerstand im gesellschaftlichen Miteinander. Anhand der Diskussionen um das Kopftuch kann man dies geeignet veranschaulichen: Solange eine Frau mit Kopftuch als Putzfrau die Schule gereinigt hat, gab es kein Problem. Erst als die Töchter dieser Generationen nun mit Kopftuch auch Lehrerinnen werden wollten, gab es erheblichen Widerstand in Teilen der Gesellschaft.

Es gibt eben nach wie vor einen nicht unerheblichen Teil der Gesellschaft, der Muslime nicht auf Augenhöhe betrachtet, sondern der tiefen Überzeugung ist, dass man sich die Gleichstellung "erst verdienen" muss. Hierbei denken einige in Generationen. Leider muss man auch feststellen, dass der große Rechtsruck im Zuge der sogenannten "Flüchtlingskrise", den Einzug rechtsradikaler Überzeugungen in den gesellschaftlichen "Mainstream" möglich gemacht hat. Wir müssen begreifen, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern dass man jeden Tag aufs Neue für sie kämpfen muss. Dies haben leider auch viele junge Menschen in unserer Gesellschaft noch nicht ausreichend verinnerlicht.   
 
Als ihr den Tag der offenen Moschee ins Leben gerufen habt, hattet ihr erwartet dass daran eines Tages deutschlandweit über 1.000 Moscheen teilnehmen werden?

Nein, dennoch haben wir natürlich gehofft, dass es sich mal zu einer Institution entwickeln würde. Man darf jedoch nicht vergessen, dass das heutige Ergebnis  auch eine große Leistung vieler tausend Ehrenamtlicher Helfer und Helferinnen ist, die sich seit Jahrzehnten für den Dialog und das gute Miteinander einsetzen und so etwas für den Frieden und die Völkerverständigung tun. Ich hoffe natürlich, dass es in den kommenden Jahren noch viel mehr Moscheen werden und vielleicht ist dies ja auch ein interessanter Ansatz, den Tag auch zu einem Tag der offenen Kirchen und Synagogen und anderer religiöser Räume zu machen. So könnten die Muslime eine bereichernde Initiative für eine Förderung der gesellschaftlichen Diskurse gegeben haben.